Dienstag, 10. Januar 2006 Tagblatt
Keine Befehlsempfängerin der Kirche
Die CVP und die Kirchen kommen vorerst doch nicht ins Gespräch:
Die Bischöfe haben die Partei in einem ersten Anlauf abblitzen lassen.
Zu Konflikten mit der katholischen Kirche war es gekommen, nachdem sich die
CVP für die Lockerung des Sonntagsverkaufs ausgesprochen hatte. Ein
Interview mit Lucrezia Meier-Schatz.
Weder die Bischofskonferenz noch der Evangelische Kirchenbund will vorerst
mit der CVP sprechen. Eine verpasste Chance?
Lucrezia Meier-Schatz: Ich bedaure den Entscheid der Kirchen. Denn nur der Dialog
schafft Verständnis und Vertrauen.
Den Streit zwischen Bischöfen und CVP ausgelöst haben die
unterschiedlichen Haltungen in Fragen wie der Stammzellenforschung, dem Partnerschaftsgesetz,
der Sonntagsarbeit oder der Asylrechts-Verschärfung. Hat sich die CVP zu
weit vom Katholizismus entfernt?
Meier-Schatz: Auch innerhalb der Kirche kommt man zuweilen zu unterschiedlichen
Analysen. Warum sollte das in einer politischen Partei anders sein? Ich will
auch das Wort Streit nicht gelten lassen, selbst wenn nun die Bischofskonferenz
erneut den Dialog verweigert. Wenn die Bischöfe zunächst die «Stimmungslage»
zwischen ihnen und der CVP erörtern wollen, dann wird die Partei diese
Diskussion führen. Dennoch muss dieses Gespräch in den heutigen gesellschaftspolitischen
Kontext gestellt werden. Und somit stehen auch Themen wie das Asylrecht zur
Debatte.
Ob «Streit» oder nicht: Der Ton hat sich verschärft.
Der Präsident der Bischofskonferenz, Amédée Grab, sagt, die
CVP entscheide nicht immer im Einklang mit dem christlichen Glauben.
Meier-Schatz: Ich staune, dass sich die Kirche anmasst, eine Partei derart in
die Pflicht zu nehmen – zumal die beiden Landeskirchen etwa in der Frage
des Partnerschaftsgesetzes auch zu unterschiedlichen Resultaten gekommen sind:
Die Bischofskonferenz war gegen, der Evangelische Kirchenbund für die Vorlage.
Man kann also auch innerhalb der Kirchen und unter Berufung auf christliche
Werte unterschiedliche Meinungen vertreten. Dieses Recht sollte man auch einer
Partei zugestehen.
Der Evangelische Kirchenbund will sich nicht in «innerkatholische
Belange» einmischen und verweigert sich dem Gespräch. Für den
SEK ist die CVP also noch eine rein katholische Partei.
Meier-Schatz: Wir haben beide Landeskirchen zum Gespräch eingeladen. Unsere
Partei vertritt nämlich in erster Linie christliche Werte, und unter unseren
Wählern haben wir auch zahlreiche Reformierte. Von der ausschliesslichen
Ausrichtung auf die katholische Soziallehre haben wir uns schon vor Jahren gelöst.
In der CVP, aber auch innerhalb der katholischen Kirche hat seit den 70er-Jahren
Meinungspluralität Einzug gehalten. Ich wünsche mir einen stetigen
Dialog mit der katholischen wie der evangelischen Kirche.
Bei der Verschärfung des Asylgesetzes treten die Kirchen geeint
auf: Die Bischofskonferenz, der Evangelische Kirchenbund, die kirchlichen Hilfswerke
– alle sind dagegen. Die CVP aber ist dafür. Weshalb?
Meier-Schatz: Man darf nicht vergessen, dass selbst die römisch-katholische
Kirche bereits seit Pius XII und vor allem seit dem 2. Vatikanischen Konzil
die Migrationsfragen sehr differenziert angeht. Sie spricht sich für ein
Recht auf Auswanderung aus, überlässt aber dem Einwanderungsland die
Befugnis, bestimmte Rechte der Migranten einzuschränken. In welchem Ausmass,
bleibt somit eine Frage der Auslegung des Immigrationslandes.
Sollten sich die Kirchen ganz aus der Politik heraushalten?
Meier-Schatz: Vor allem sollten sie frühzeitig mit den Parteien reden.
Das ist bisher aber in der Frage des Asyl- und Ausländerrechts nicht geschehen.
Das zeigt, dass eine gegenseitige Autonomie vorhanden ist, und das soll durchaus
so sein. Die Kirchen können auch heute noch einen wichtigen Beitrag zur
Verdeutlichung christlicher Werte leisten. In der Vergangenheit haben sie aber
zu oft geschwiegen oder sich zu spät zu Wort gemeldet. Ihr alleiniger Einfluss
auf das politische Verhalten der Bürgerinnen und Bürger ist daher
eher gering. Mit den bevorstehenden Abstimmungen zum Asyl- und Ausländerrecht
haben sie die Möglichkeit, das zu ändern.
Eigentlich müssten Sie froh sein über den Widerstand der
Kirche. Denn Sie selbst stimmten beim Asyl-Ausländergesetz gegen die Mehrheit
Ihrer Fraktion.
Meier-Schatz: Für mich ist das Parlament mit den Verschärfungen zu
weit gegangen. Es will damit auf die Stimmung in der Bevölkerung reagieren,
die sich um den Asylmissbrauch sorgt. Das muss die Politik natürlich ernst
nehmen. Dabei darf sie sich aber nicht nur auf die Verschärfung der Gesetze
beschränken, sondern muss auch den Kriterien der Menschenwürde und
der Gerechtigkeit genügen.
Eine Mehrheit der CVP-Basis teilte diese Ansicht aber wohl kaum.
Meier-Schatz: Das ist richtig. Dennoch haben wir als Politiker eine Verantwortung:
Nämlich aufzuzeigen, um wie viele Menschen es überhaupt geht und was
die Folgen für sie sein werden.
Ist die harte Haltung der CVP in der Asylfrage nicht auch ein Indiz
dafür, dass die neue liberal-soziale Linie der Partei gar nicht goutiert
wird, insbesondere auch in der Ostschweiz nicht?
Meier-Schatz: Nein, die Zustimmung in der Basis zum neuen Kurs ist gut, wie
Analysen zeigen.
Festzustellen ist aber, ein Auseinanderdriften von Stadt und Land
. . .
Meier-Schatz: Das betrifft aber nicht nur die Wählerschaft der CVP, sondern
auch jene von FDP und SVP. Wichtig ist daher, dass die Menschen auf dem Land
spüren, dass man ihre Anliegen aufnimmt. Kommen sie sich als Verlierer
vor, dann sind Modernisierungsschritte schwierig durchzusetzen.
Interview: Georg Farago