Auszug aus der Ansprache anlässlich der
Neujahrsbegrüssung vom 8. Janur 2006
von Josef Dudli, Regionalparteipräsident CVP Werdenberg
...Es ist unsere Pflicht als Partei, unsere Haltungen immer wieder kritisch zu überprüfen. Denn ein C im Namen, das nicht gelebt würde, wäre tatsächlich unglaubwürdig.
Allerdings – und darauf ist mit aller Deutlichkeit hinzuweisen - gibt es einen Unterschied zwischen Kirchen und Parteien. Während eine Religion sehr hohe absolute Massstäbe anlegen kann, die ausnahmslos eingehalten werden müssen, ist dies in den Niederungen des politischen Alltags schwieriger. In der Politik muss man vielfach vom Idealzustand abweichen und pragmatische Lösungen suchen. Eine Religion kann z.B. die Homosexualität, die Ehescheidung oder den Schwangerschaftsabbruch kompromisslos ablehnen und die fehlbaren Menschen notfalls ausgrenzen. Der Staat und damit die Politik müssen hingegen für diese Menschen Lösungen finden. Ist man jetzt unchristlich, wenn man als Partei zu Kompromisslösungen Hand bietet, die halt von der kirchlichen Maximalforderung abweichen?
Ein weiteres, aktuelles Beispiel betrifft die von Parlament im Dezember verabschiedete Revision des Asylrechts. Zum Jahreswechsel wurde in den Medien eine Kritik des Bischofs von Chur, Bischof Amédée Grab, an der Haltung der CVP veröffentlicht. Dass die Aufnahme verfolgter Mitmenschen eine grundlegende christliche Pflicht ist, ist in unserer Partei unbestritten. Dass es aber ein Verstoss gegen die christliche Nächstenliebe sein soll, gegen Missbräuche – und vor allem um diese geht es in der fraglichen Gesetzesrevision - konsequent vorzugehen, ist für mich persönlich nicht nachvollziehbar.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass im Namen des Christentums in
den zuerst erwähnten Fällen eine kompromisslose Härte des Staates
zur Durchsetzung von Normen verlangt wird, und dass im letzteren Fall genau
diese Härte offenbar nicht zulässig sein soll. Diese Diskussion um
Werte muss weiter gehen und ich bin froh, dass unsere neue Präsidentin
Doris Leuthard das Gespräch mit den Bischöfen sucht....