Die CVP-Herbsttagung vom vergangenen Freitag stand unter dem Titel „Die Schweiz steht still“ und beleuchtete künftige Herausforderungen unseres Arbeitsmarkts. Besondere Berücksichtigung fand die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – gemäss den Ausführungen von HSG-Volkswirtschafter Gebhard Kirchgässner ein eindeutig wachstumsfördernder Faktor.
„Die Schweiz steht still“: dieser provokative Titel der Herbsttagung 2005 sollte eine angeregte Diskussion in Gang bringen. Parteipräsident Urs Schneider spitzte gar noch zu und fragte eingangs, ob der Schweizer wirklich „fett und träge“ geworden sei oder schlicht zu müde, um sich den wirtschaftlichen Herausforderungen überhaupt noch zu stellen. Gebhard Kirchgässner, Direktor des Instituts für Aussenwirtschaft und angewandte Wirtschaftsforschung der Universität St. Gallen, freilich relativierte. Zwar stellte er die Wachstumsschwäche der Schweiz nicht in Abrede, schätzte die Chancen unseres Landes aber als „nach wie vor gut“ ein. Ein zusätzlicher Wachstumsimpuls etwa könnte ausgelöst werden durch die Erleichterung der Erwerbstätigkeit von Frauen, nur seien Familie und Erwerbstätigkeit in der Schweiz nur schwer vereinbar und insbesondere für hochqualifiziertes Personal finanziell kaum attraktiv. Als Gründe hiefür erwähnte der Referent unter anderem die mangelnden Blockzeiten an der Volksschule sowie die hohen Kosten der Kinderbetreuung, um letztlich eine Lanze für die Individualbesteuerung zu brechen. „Länder mit Individualbesteuerung und mit Unterstützung in der Kinderbetreuung“, so Kirchgässner, „weisen gleichzeitig eine höhere Erwerbsquote der Frauen, einen höheren Anteil an vollzeiterwerbstätigen Frauen sowie eine höhere Geburtenrate auf.“
Karriere trotz Kindern
Die anschliessenden Podien waren sodann der erfolgreichen Vereinbarkeit von
Familie und Beruf gewidmet. „Karriere trotz Kindern, wie geht das?“
fragte Moderator Agostino Cozzio, Generalsekretär des Volkwirtschaftsdepartements.
Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz, Mutter von zwei Kindern im Teenageralter,
verwies auf bedarfsgerechte Tagesbetreuungsstrukturen und teilzeitliche Arbeitsmodelle.
Die Berner Politologin Regula Stämpfli sprach von einer hochideologisch
aufgeheizten politischen Auseinandersetzung, bei der es gelte, die gesunde Balance
zwischen einer „Politik der Wohltaten und der Zumutungen“ zu halten.
Kantonsgerichtspräsidentin Martha Niquille, ebenfalls Mutter von zwei Jugendlichen,
bestätigte, weil am eigenen Leib erfahren, Kirchgässners These des
mangelnden finanziellen Anreizes zur (Wieder)aufnahme einer Erwerbstätigkeit.
Die Motivation müsse schon sehr hoch sein, die Entbehrungen, bedingt durch
die zusätzliche Steuerbelastung und die kaum in Abzug zu bringenden Kosten
für die ausserfamiliäre Kinderbetreuung, seien es nämlich genauso.
Einige Beachtung an der Herbsttagung fand denn die Initiative der Stadt Stuttgart, deren erklärtes Ziel es ist, durch gezielte Massnahmen zur „kinderfreundlichsten Stadt Deutschlands“ zu avancieren. Einig war man sich insbesondere, dass Kinderbetreuung vom 1. bis 12. Lebensjahr zum Standortfaktor geworden sei und dass teilzeitliche Arbeitsmodelle für Mütter und Väter schlicht zum Standard erhoben werden müssten.
„Demographisches Pulverfass“
Der Flawiler SP-Kantonsrat und Gewerkschafter Peter Hartmann warnte davor, die
Mütter als blosse „Konjunkturpuffer“ zu missbrauchen. Bei der
Vereinbarkeit von Beruf und Familie stelle sich insbesondere die Frage der Bereitschaft
der Väter Familienverantwortung zu übernehmen. Nicolo Paganini und
Johannes Rutz, Leiter der kantonalen Ämter für Wirtschaft beziehungsweise
Arbeit, brachten, wohl auch berufsbedingt, die wirtschaftliche Komponente wieder
ins Spiel. Teilzeitliche Arbeitsmodelle entbehrten jeglicher Grundlage, wenn
nicht zugleich die Wirtschaft mit entsprechenden Rahmenbedingungen gestützt
werde, argumentierte etwa Johannes Rutz. Paganini seinerseits verwies auf die
Notwendigkeit, unseren technologischen Innovationen unter Umständen auch
mit Hilfe der öffentlichen Hand zum Durchbruch zu verhelfen. Neue Arbeitsplätze
und damit Wirtschaftswachstum seien die logische Folge davon und die Unterstützung
in der Kinderbetreuung natürlich Bedingung, da sonst die qualifizierten
Arbeitskräfte schlicht fehlten. Einig schliesslich waren sich die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer auf dem Podium, dass familienfreundliche Strukturen im Berufsalltag
jetzt geschaffen werden müssten. Denn je länger nun zugewartet werde,
desto ungemütlicher werde es auf unserem „demographischen Pulverfass“
mit ständig steigender Lebenserwartung und stetigem Geburtenrückgang.
17. 9. 2005 Andreas Nagel