Das Interview mit Bischof Ivo Fürer, TA vom 16.02.05

«So wird die Würde missachtet»
Der St. Galler Bischof wirft den Behörden vor, sie provozierten Not unter Migranten. Priester, die diese Menschen aufnehmen, bewundert er: Im Notfall sei der zivile Ungehorsam zu tolerieren.

Mit Bischof Ivo Fürer sprachen Gaby Szöllösy und Michael Meier

Herr Bischof, die Bischofskonferenz kritisiert, dass Asyl Suchenden mit einem Nichteintretensentscheid nur noch Nothilfe gewährt wird. Was veranlasst Sie zu dieser Kritik?

Wir hören von Menschen, die in grosser Not sind. Da müssen wir uns fragen: Ist es richtig, dass die Probleme beim Vollzug der Asylpolitik auf diese Weise gelöst werden? Aufgabe der Kirche und ihrer Institutionen ist es, auf solche Nöte hinzuweisen - auch wenn wir den Politikern keine durchdachte Alternative präsentieren können, wie das Problem des Asylmissbrauchs zu lösen ist.

Hatten Sie persönlichen Kontakt mit Not leidenden Asylbewerbern?

Ich persönlich nicht. Aber ich werde von der diözesanen Caritas, unsern Hilfswerken und Pfarreien informiert und erhielt Berichte, wonach gewisse Gemeinden Migranten keine Nothilfe gewähren mit dem Argument, es habe schon zu viele Ausländer in der Gemeinde. Andere geben den Betroffenen zwar eine Unterkunft, aber nur für kurze Zeit. Das bereitet mir Sorge. Als Christ weiss ich, dass diese Mitmenschen von Gott geliebt sind wie ich selbst. Christus hat gesagt: Was ihr dem geringsten meiner Brüder angetan habt, das habt ihr mir getan. Deshalb kann ich eine solche Situation nicht akzeptieren, sie ist würdelos.

Inwiefern?

Wenn ein Migrant von Pontius zu Pilatus geschickt wird, um überhaupt überleben zu können; wenn er spürt, dass er eigentlich gar nicht existieren dürfte, so wird seine Würde missachtet. Hier müssten die Behörden einen Weg suchen, der den humanitären Ansprüchen der Schweiz besser nachkommt. Natürlich sehen auch wir, dass einige Leute das schweizerische Asylwesen ausnützen. Aber letztlich ist die weltweite Migration auch eine Folge der Globalisierung. Nicht einmal mit schärfsten Gesetzen werden wir das Problem vollständig in den Griff bekommen. Die Schweiz muss lernen, mit den Schattenseiten der Globalisierung zu leben.

Die Bischofskonferenz spricht von einer «neuen Not». Ist es Ihrer Ansicht nach eine hausgemachte Not, provoziert durch die Behörden?

Ja, zumindest haben die Behörden diese Not in Kauf genommen. Ich möchte nicht behaupten, dass sie es aus schlechtem Willen taten. Doch diese Massnahmen haben Auswirkungen, die wir nicht verantworten können.

Was halten Sie vom immer wieder praktizierten Kirchenasyl?

Öffentlich ist zurzeit der Fall eines Priesters in Basel, der Asylbewerber mit Nichteintretensentscheid beherbergt. Was er macht, tut er auf der Basis seiner Nächstenliebe. Er riskiert, dass er dafür bestraft wird. Ich denke, das ist grossartig - eine solche Aktion, die im Einklang mit dem Gewissen geschieht, verdient Bewunderung.

Damit rufen Sie indirekt zum zivilen Ungehorsam auf.

Ich würde eher sagen: Wenn es in der Notsituation keinen andern Weg gibt, so kann es zutiefst christlich sein, zivilen Ungehorsam zu tolerieren. Wir rufen nicht zum zivilen Ungehorsam auf, sondern zur Nächstenliebe. Und im Extremfall kann unser Engagement im Dienste der Nächstenliebe zivilen Ungehorsam nach sich ziehen.

Wie begründen Sie den zivilen Ungehorsam vom Evangelium her?

Nehmen wir das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Er ist am Menschen, der dem Tod nahe ist, nicht vorbeigegangen. Auch wir dürfen an Menschen, die Not leiden, nicht vorbeigehen.

Nun will die Politik noch schärfere Massnahmen einführen: Eben hat die zuständige Ständeratskommission zugestimmt, dass auch alle Asylbewerber mit abgewiesenem Gesuch nur noch Nothilfe erhalten. Für Sie ein Grund zur Sorge?

Ja. Die Bischofskonferenz hat sich auch in der Vernehmlassung klar dagegen ausgesprochen. Im Kanton St. Gallen stünden auf einen Schlag gut 600 Menschen auf der Strasse. Das ist für mich eine traurige und inakzeptable Perspektive.

Geplant sind auch die Einführung einer Beugehaft sowie die Verlängerung der Ausschaffungshaft. Sind dies zulässige Verschärfungen des Ausländerrechts?

Nein, wir sind der Ansicht, dass diese Verschärfungen zu weit gehen. Auch wenn wir anerkennen, dass es Probleme mit renitenten Asylbewerbern gibt. Doch von ihrer humanitären Verpflichtung her ist es für die Schweiz wichtig, hier nicht in eine Extremposition zu geraten.

Was hoffen Sie mit Ihren Aussagen zu bewirken?

Wir möchten das Bewusstsein bei den Menschen ändern - die öffentliche Meinung beeinflussen. Dies kann die Politiker veranlassen, nach besseren Lösungen zu suchen.