Dr.
Markus Arnold, Präsident der CVP Kanton Zürich, zum
Verhältnis CVP - Katholische Kirche:
(Interview vom 13.12.05, erschienen auf der Website der CVP-ZH)
Kipa:
Zwischen CVP und katholischer Kirche herrscht derzeit nicht das beste Einvernehmen.
Nach der Annahme durch die Stimmberechtigten der von der CVP befürworteten
erweiterten Sonntagsarbeit am 27. November warf die Bischofskonferenz der CVP
Unglaubwürdigkeit als C-Partei vor und machte sie für den Abstimmungsausgang
mit verantwortlich.
Markus Arnold: Da kann man ebenso gut sagen: Alle Katholiken, die nicht auf
die Bischöfe gehört haben, sind schuld daran! In der Abstimmungskampagne
wurde von den Kirchen so getan, als sei der Sonntag erst jetzt in Gefahr. In
Wahrheit ist der klassische Sonntag jedoch bereits seit den 1930er Jahren auf
dem Rückzug! Also müssten sich die Kirchen ja eigentlich überlegen,
was sie tun müssen, um den Sonntag aufzuwerten.
Zum Verhältnis zwischen CVP und katholischer Kirche: Die Schweizer Bischöfe
verstehen sich heute richtigerweise nicht nur als die Bischöfe der Katholikinnen
und Katholiken einer Partei, sondern grundsätzlich als jene aller Katholikinnen
und Katholiken. Die engen Bindungen zwischen Katholisch-konservativer Partei
und Bischöfen gehören glücklicherweise der Vergangenheit an.
Die CVP wiederum hat sich klarer als "Wertepartei" positioniert. Und
das heisst: Sie orientiert sich weniger an kirchlichen Normen als am Menschenbild
und am Wertekonsens der wichtigsten christlichen Kirchen. Und auf dieser Wertegrundlage
politisiert sie autonom.
Die jüngsten Spannungen zwischen den Bischöfen
und der CVP haben meines Erachtens ihre Ursache darin, dass die Bischöfe
auf der einen Seite ganz bewusst überparteilich sein wollen, was ja auch
richtig ist. Auf der anderen Seite aber haben sie fallweise die Erwartung, dass
die CVP als "ihre" Partei die Doktrin des römisch-katholischen
Lehramtes übernimmt. Und das scheint mir doch ein klarer Widerspruch zu
sein!
Kipa.
Haben Sie ein aktuelles Beispiel?
Arnold: Klassisches Beispiel ist für mich die Frage des Gesetzes über
die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare, dieses Jahr deutlich
vom Schweizer Stimmvolk gutgeheissen. Während sich die Schweizer Bischofskonferenz
vor der Abstimmung nur sehr verhalten zu dieser Frage geäussert hat, gab
der Schweizerische Evangelische Kirchenbund eine ausführliche befürwortende
Stellungnahme dazu ab. Dieses Papier hat jene Teile der CVP, die sich intensiv
mit dieser Frage auseinandergesetzt haben, mehr überzeugt als die dürre
Mitteilung der Bischofskonferenz.
Im Anschluss an diese Abstimmung äusserten einzelne
Vertreter der katholischen Kirche den Vorwurf, die CVP sei "nicht mehr
christlich", weil sie sich nicht an die Weisungen der Kirche gehalten habe.
Dann muss man aber sagen: Auch die reformierte Kirche ist nicht mehr christlich,
denn auch sie hat sich nicht an die Weisungen "der" Kirche gehalten.
Hier täte dringend Klärung Not: Was ist christlich? Was ist katholisch?
In der CVP des Kantons Zürich nehmen die reformierten Mitglieder laufend
zu, und es wird nicht mehr lange dauern, da sind wir auch von der religiösen
Herkunft der Mitglieder her überkonfessionell. Da kann es nicht mehr angehen,
von uns zu erwarten, dass wir quasi die Schafe und Befehlsempfänger der
Schweizer Bischofskonferenz sind!
Kipa:
Sie würden also sagen: Die Vereinnahmungstendenz der Schweizer Bischöfe
gegenüber der CVP hält an.
Arnold. Ja, und es ist eine absurde Vereinnahmung. Wollten
die Bischöfe wirklich die CVP vereinnahmen, so müssten sie im Gegenzug
vor Wahlen auch Wahlempfehlungen für die CVP abgeben. Aber zu diesen Zeiten
will wohl niemand ernsthaft zurück…
Kipa:
Sie sehen die CVP als "konfessionsübergreifende Wertepartei".
Stehen denn die anderen Parteien nicht auch für Werte ein?
Arnold: Das ist natürlich ein Missverständnis: Es gibt keine exklusiven
christlichen Werte. Für Freiheit setzen sich auch Freisinnige ein, für
Solidarität und Gerechtigkeit auch Sozialdemokraten - und für ein
gewisses Mass an Traditionen setzt sich auch die SVP ein, könnte man da
ergänzen. Es kann ja nicht sein, dass die CVP exklusiv einen Wert für
sich beansprucht.
Als ausdrücklich christliche Wertepartei verstehen wir uns hingegen darin,
dass wir sagen: Es müssen "Freiheitswerte" wie Autonomie, Wirtschaftsfreiheit
und persönliche Freiheitsrechte auf der einen Seite sowie "Liebeswerte"
wie Solidarität, Fürsorge und soziale Gerechtigkeit auf der anderen
Seite stets in einem bestimmen Verhältnis zueinander sein. Dass dieses
Spannungsverhältnis zwischen Freiheitswerten und Liebeswerten nicht einseitig
aufgelöst, sondern ausgehalten wird: Darin zeigt sich das Merkmal der CVP.
In einzelnen Fragen kann man sich dann in guten Treuen eher für die Freiheitswerte
oder im Gegenteil eher für die Liebeswerte entscheiden - da liegt auch
die Spannung drin, die wir in der CVP immer hatten zwischen den ursprünglich
Konservativen und den ursprünglich Christlichsozialen. Diese Pole sind
sich allerdings in der Zwischenzeit sehr viel näher gekommen. Es gibt auch
parteiintern immer wieder fruchtbare Diskussionen über diese Spannung,
und mit der Bezeichnung "liberal-sozial" ist ein guter Ausdruck dafür
gefunden worden.
Kipa:
Sie könnten sich durchaus vorstellen, dass sich die CVP in absehbarer Zeit
"Liberalsoziale Partei" nennt, haben Sie nach Ihrem Amtsantritt als
Präsident der CVP des Kantons Zürich gesagt.
Arnold: Für mich
gibt es zwei mögliche Zukunftsperspektiven. Die eine Perspektive besteht
darin, dass die liberalsozialen Kräfte in der Schweiz sich zusammenschliessen
zu einer "Liberalsozialen Partei der Schweiz" – dazu zähle
ich auch weite Teile der Freisinnig-Demokratischen Partei sowie gewisse Kreise
in der Evangelischen Volkspartei.
Religion hat in den letzten Jahren einen neuen Stellenwert erhalten und sozusagen
eine neue Renaissance erlebt. Vor diesem Hintergrund besteht die andere Perspektive
darin, über eine religiöse Wertepartei zu verfügen, welche nicht
nur überkonfessionell, sondern sogar interreligiös wäre.
In Basel und im Kanton Tessin haben auch schon Musliminnen für die CVP
kandidiert. Sie sagten, dass die Wertebasis der CVP eigentlich auch der Wertebasis
ihrer Religion entspreche.
Kipa:
Die jetzige Führung der CVP Schweiz scheint in ihrer Wählerstrategie
auf ein urbanes, junges, flexibles Publikum zu setzen.
Arnold: Die CVP macht natürlich seit Jahren den Spagat, im urbanen Mittelland
Fuss zu fassen und gleichzeitig die traditionellen Wähler in den früheren
katholischen Kantonen nicht zu verlieren. Das ist aber eine Spannung, die sich
meines Erachtens mit der Zeit auflösen wird.
Ich vermute, dass sie sich so auflösen wird, dass die jungen Generationen
auch in den einstigen katholischen Kantonen zunehmend urbane Züge annehmen,
gerade bezüglich Weltanschauung. Die Erlebnisgesellschaft mit ihrer grossen
Mobilität hat ja bewirkt, dass man heute auch vom Land her übers Wochenende
in die grossen städtischen Zentren fährt, um an irgendwelchen Events
teilzunehmen.
Kipa.
Längerfristig wird der Akzent der CVP dennoch auf dem Thema Werte liegen
müssen?
Arnold: Für mich ist das ganz klar. Sonst braucht es die CVP gar nicht!
Persönlich stehe ich auch für eine Wertepartei ein, die ganz bewusst
versucht, Werte religiös zu vertiefen - ich sage nicht: zu begründen.
Denn dieselben Werte finden wir ja in den anderen Parteien, aber die gleichen
Werte werden in der CVP eben religiös vertieft.
Kipa:
Es gibt die viel gerühmte katholische Soziallehre. Wieweit wird sie von
der CVP in ihrer politischen Arbeit auch konkretisiert?
Arnold: In vielen CVP-Kantonalparteien besteht ein Defizit hinsichtlich der
Aufarbeitung religiöser, philosophischer und sozialphilosophischer Hintergründe.
Meines Erachtens teilt die CVP dieses Defizit aber mit den anderen Parteien.
Und das wiederum hängt eng mit dem schweizerischen Milizsystem zusammen.
Wir haben keine Parteienfinanzierung wie etwa in Deutschland, und uns fehlen
auch die Akademien der einzelnen politischen Parteien wie ebenfalls in Deutschland,
wo ganz bewusst Kaderschulung auf hohem Niveau betrieben wird.
Aber zur Soziallehre: Die in der kirchlichen Soziallehre zentrale Frage des
Subsidiaritätsprinzips und des Solidaritätsprinzips - bei der ja ebenfalls
die Spannung zwischen Freiheits- und Liebeswerten zum Ausdruck kommt! - hat
vor allem in jenen Schweizer Kantonen eine grosse Tradition, welche durch die
christlichsoziale Bewegung geprägt worden sind. Da ist immer noch ein Wissen
darum vorhanden. Das wird allerdings jetzt bewusst auch als christliche Tradition
verstanden und weniger als spezifisch katholische Tradition, was mir persönlich
auch sinnvoll scheint.
Kipa:
A propos Wertepartei: Kürzlich hat ein Vertreter der CVP, der in Basel
für die CVP im Kantonsparlament sitzt, im CVP-Pressedienst der Partei erläutert,
weshalb er als bekennender Atheist CVP-Mitglied ist. Auch das ist also möglich.
Was meinen Sie dazu?
Arnold: Grundsätzlich ist so etwas natürlich möglich, wenn jemand
sagt: Ich teile die Wertebasis und das Menschenbild in dieser Partei Und das
heisst, ich teile auch die Wertehierarchie, für die sich diese Partei einsetzt.
Dann sehe ich das durchaus als Möglichkeit an.
Allerdings vermute ich, dass das eine Ausnahmeerscheinung bleiben wird. Denn
ein Atheist wird sich in der CVP in einer Partei bewegen, in der Atheisten wohl
in der Minderheit sind. Er wird auch einer Partei angehören, in der es
üblich ist, auch auf religiöse Sinngehalte zurückzugreifen -
weniger in den Parteiprogrammen als in den Gesprächen untereinander. Und
das findet eben auch noch statt!
Kipa:
Was wünschen Sie den Bischöfen beim derzeitigen Stand der Beziehungen
zur CVP?
Arnold: Die Bereitschaft, ein wenig mehr zu differenzieren. Und auch die Bereitschaft,
sich auf die zugegebenermassen oft fragwürdige Ebene der Realpolitik zu
begeben. Das heisst, dass eine Kompromisslösung manchmal
die bessere Lösung ist als das fanatische Vertreten einer Ideallösung,
die sich dann nicht durchsetzt und genau der diametral entgegen gesetzten Lösung
zum Durchbruch verhilft. Exakt das ist 2002 in der Frage des straflosen Schwangerschaftsabbruchs
mit der Annahme der Fristenregelung geschehen!
Kipa:
Nämlich?
Arnold: Die Schweizer Bischofskonferenz hatte nicht den Mut, in der Frage des
straflosen Schwangerschaftsabbruchs das Beratungsmodell der CVP zu unterstützen,
welches eine Beratungspflicht vorsah, um eine "sorgfältige Güterabwägung
zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Frau und dem Lebensrecht des Ungeborenen"
zu ermöglichen. Damit hat die Bischofskonferenz jedoch indirekt der Fristenlösung
zum Durchbruch verholfen. Die Bischofskonferenz hätte nämlich bei
der Beratung des Gesetzes im Parlament eine Lösung unterstützen müssen,
welche die Chance gehabt hätte, auch wirklich eine Mehrheit der Stimmberechtigten
hinter sich zu scharen. Beim radikalen Nein zur Fristenlösung war das einfach
nicht der Fall. Man wusste, dass dies völlig chancenlos ist. Und da haben
sich die Bischöfe meines Erachtens politisch sehr weltfremd benommen.
Kipa:
Würde den Schweizer Bischöfen etwas mehr Distanz zu den römischen
Positionen helfen?
Arnold:
Da liegt natürlich die ganze Krux. Ich bin überzeugt, dass die Bischofskonferenz
das Beratungsm odell
der CVP unterstützt hätte - hätte Rom nicht kurz zuvor ein ähnliches
Modell in Deutschland abgelehnt.